Vor ein paar Tagen war ich wieder mal in Görlitz, da meine betagte Mutter ihren Geburtstag gefeiert hat.
Ich habe sie bei dieser Gelegenheit auf meine alte Schulfreundin angesprochen. Die, die damals unbedingt Dirk "adoptieren" wollte, bevor er verschwand ...
Meine Mutter kann sich an die besagte Schulfreundin noch gut erinnern. Vor allem an ein Detail, das ihr damals merkwürdig aufgefallen ist, als ich in Dresden in Untersuchungshaft saß - also einige Jahre nach Dirks Entführung.
Das war, weil ich wegen der Sache zu viele unbequeme Fragen gestellt, Briefe geschrieben und Kontakt zu westlichen Hilfsorganisationen aufgenommen hatte.
Meine Mutter wollte mich in der U-Haft besuchen, aber sie lebte ja in Görlitz und hatte kein Auto. Meine frühere Schulfreundin dagegen besaß ein Auto und erbot sich, mit meiner Mutter nach Dresden zu fahren. Als sie vor dem Gefängnis angekommen waren, wollte die Schulfreundin partout nicht vor dem Gebäude auf der Bautzener Straße parken. Ihre Erklärung war, dass man sie und meine Mutter dann vom Gefängnis aus sehen könnte. Meine Mutter wunderte sich darüber, weil sie zu den monatlichen Besuchen angemeldet war und jeder sie sehen durfte. Sie hatte doch nichts zu verbergen ...
Für jemanden, der das Untersuchungsgefängnis angeblich noch nie besucht hatte, kannte meine Schulfreundin sich überraschend gut dort aus. Sie fuhr hinter das Gebäude und parkte an einer versteckten Stelle, so als hätte sie gewusst, dass es dort eine diskrete Parkmöglichkeit gab.
Aber meiner Schulfreundin schien der Besuch in der U-Haft peinlich zu sein. Auf alle Fälle wollte sie nicht, dass jemand sie dort parken sah. Und sie kannte sich offensichtlich dort aus, auch wenn sie angeblich noch nie dort gewesen war.
Und sie hatte nur wenige Monate vor Dirks Verschwinden plötzlich einen neuen Wartburg.
Wie sie zu dem Geld (und den Beziehungen) für so ein Auto kam, hat sie nie gesagt. Jedenfalls nicht durch offizielle berufliche Einkünfte. Und auch nicht von ihrem Mann, von dem sie sich getrennt hatte und der ihr noch nie großzügige (Geld-)geschenke gemacht hatte.
Seltsame Zufälle.
Oder doch keine Zufälle? Doch eine weitere Person in meinem engsten Umfeld, die von der Stasi auf mich angesetzt worden war? So wie die Stasi es mit ihren Zersetzungsopfern und allen anderen Personen, die sie im Visier hatte, so regelmäßig und systematisch machte? Der Patenonkel meiner Tochter entpuppte sich ja auch als Stasi-Spitzel, der meine Westkontakte verraten hatte und mich so ins Gefängnis brachte.
In der DDR konnte keiner keinem trauen. Wie schon bei den Nazis konnte jeder ein Verräter sein. Und wie bei den Nazis wurden die Verräter nie belangt. Und leben heute überall in Deutschland.
Glaubt ihr, nur weil die Mauer gefallen ist und die SED/Stasi-Diktatur offiziell zu Ende ist, hätten die vielen hunderttausend Verräter heute keine Verrätermentalität mehr?

